Was ist das Ziel des Yoga?
In der Urschrift, die Sutren (Merksätze) von Patanjali, auf die sich fast alle Yoga-Lehrer/innen abstützen, steht das Ziel ganz zu Beginn beschrieben als „citta-vrtti-nirodah“. Das Ziel ist es, das Bewusstsein (citta) und seine Denkbewegungen (vrtti) zur Ruhe zu bringen (nirodah). Das bedeutet aber nun nicht, dass alle Gedanken stoppen und sich eine Gedankenleere einstellt, wie man dies vielleicht fälschlicherweise annehmen könnte. Vielmehr bedeutet es eine Klarheit des Denkens. Modern übersetzt könnte man sagen, das Ziel ist ein vorurteilsfreies Denken.
Patanjali verwendet dazu das Bild eines Glases, das durch Unreinheiten getrübt ist, und deshalb keine wirklich freie Durchsicht auf die Realität erlaubt. Immer wird der Blick durch diese Einfärbungen verstellt. Das sind beispielsweise Vorurteile, die einem nicht offen für neue Erfahrungen machen. Oder es sind früher gemachte positive oder negative Erfahrungen, die das Denken und die Gefühle beeinflussen. In Anlehnung an Patanjali nehme ich gerne das Bild eines Gedankenschleiers, der einen umhüllt und das Denken trübt. So sind wir viel zu häufig mit störenden Gedanken beschäftigt, was ich noch tun sollte, welche Termine zu organisieren sind, oder welches Ereignis mich derart beschäftigt, sodass ich gar nicht aufmerksam bin für Dinge, die im Moment passieren. In der modernen Psychologie würde man dies „Achtsamkeits-Training“ nennen.
Häufig wird der Ausdruck verwendet „Sei im hier und jetzt!“ Auch diese Aufforderung trifft nicht das eigentliche Wesen von „citta-vrtti-nirodah“, denn man ist ja immer im „Hier-und-Jetzt“, nur einmal eben mit getrübtem/ verschleierten Blick oder dann ohne.
Ziel: Der Geist soll zur Ruhe kommen
Dieses „citta-vrtti-nirodah“, wie es in den Sutras des Patanjali steht, kann nicht mit dem Willen erreicht werden. Es stellt sich ganz einfach wie von selbst ein (oder eben auch nicht). Die Yoga-Übungen verhelfen dazu, dass sich dieses klare Denken ergibt. Doch auch viel Üben garantiert nicht, dass die Gedanken beständig zur Ruhe kommen werden. Es ist letztlich ein Geschenk. Die Körperübungen sind ein kleiner Teil der Yoga-Praxis, aber wie Patanjali schrieb, nur einer von insgesamt acht Pfeilern, die alle gleichwertig sind. Es ist also die Kombination aller acht Pfeiler, die zum Ziel führen sollen.
Yoga ist die Verbindung von Körper und Geist
Die Körperübungen (Asanas) haben einen Effekt auf Psyche und Geist. Der Körper ist vergleichbar mit einem Fahrzeug. Es ist wichtig, dieses Fahrzeug/Körper in Stand zu halten, damit es/er in Schwung bleibt. Um das Fahrzeug in einwandfreiem und sicheren Zustand zu erhalten, gehören gelegentlich ein Ölwechsel; man soll abgefahrene Reifen und Räder ersetzen, das Fahrwerk kontrollieren, den Motor untersuchen lassen, Bremsen überprüfen sowie die Scheiben und Fenster putzen. Das hilft, damit das Fahrzeug langlebig bleibt. So ist es auch mit dem Körper. Die Fahrzeugtypen sind sehr unterschiedlich; die einen sind komfortabler, schneller, wendiger, geräumiger als andere. Die Körper sind steifer, flexibler, geschmeidiger, grösser, jünger oder älter. Ein Fahrzeug kann man gegen ein besseres Modell auswechseln, bei einem Körper kann man das nicht tun. Er bleibt immer derselbe – ein Leben lang. Aber letztlich spielt es keine Rolle, in welchem Fahrzeug/Körper man auf die lange Reise geht. Die schönsten und besten Reisen werden nicht zwingend diejenigen Leute mit dem luxuriösesten Auto erleben. Auch mit einer kleinen, billigen Karre kann man sehr glücklich unterwegs sein!
Patanjali nennt fünf Geisteszustände: Den ersten nennt er „Mudha“, träge, müde. Es gibt „Kshipta“, zerstreut, nicht konzentriert, in Gedanken verloren. Dann folgt als nächstes „Vikshipta“, was gesammelt oder sammelnder Geist bedeutet. Ist der Geist dann gesammelt, folgt „Ekagrata“, die Konzentration auf einen Punkt. Erst durch die vollständige Versenkung („Samyama“) ist „Nirodah“, ein Zustand vollkommener Konzentration möglich, der dem Zustand ähnelt wie „im Flow“ sein.
Wie muss man sich das konkret vorstellen? Die stufenweise Versenkung kann man mit einem Fussballspieler in einem Team vergleichen. Zunächst ist der Spieler ganz auf den Ball konzentriert („ekagrata“), dann gelingt es ihm, auch das Tor zu fokussiern. Aber mit vollständiger Versenkung ist er nicht mehr nur auf einen Punkt konzentriert, sondern auf mehrere: Der Fussballer kann auch die Umgebung miteinbeziehen; das heisst, der Spieler nimmt zugleich mit seinem Ballspiel auch die übrigen Spieler wahr, erkennt deren Absichten und kann sie von seinem eigenen Tun unterscheiden.
Der Charakter wird durch drei Gunas bestimmt
Patanjali bestimmt den Charaktere, die jeweils durch die Mischung von drei Kräften bestimmt werden. Gunas genannt. Das ist der grosse Unterschied zur westlichen Einteilung, die in Oppositionen denk wie „Passiv – aktiv“, es sind drei Eigenschaften: Sattva, die Reinheit und Klarheit, Güte und Harmonie. Rajas, die Energie und Bewegung, der Trieb, die Leidenschaft. Tamas, die Trägheit, das Zurückhaltende, Dunkle und Schwere. Diese Eigenschaften sind in ständiger Bewegung. Man kann sich das vorstellen wie Farbkreise, deren Mischung die endgültige Farbe ergibt, respektive den Charakter.

Kann ich Yoga praktizieren ohne die dazugehörige Philosophie zu verstehen?
Im Yoga-Studio werden im allgemeinen nur zwei der acht Pfeiler praktiziert, die Patanjali aufzählt: Es sind die Köperübungen („Asanas“) und die Atemübungen („Pranayama“). Wer die Yoga-Philosophie dazu nicht versteht oder auch gar nicht kennen will, kann dennoch Yoga machen.
Auch hier kann man wieder auf das Bild des Autos zurückgreifen. Einem Kind lehren die Erwachsenen beispielsweise, dass alle Fussgänger/innen bei Rot an der Ampel stillstehen müssen und erst bei Grün über die Strasse gehen dürfen. So wie ein Erwachsener das Kind anleitet, so leitet auch ein Yoga-Lehrer seine Schülerinnen und Schüler im Unterricht an. Fortgeschrittene Yoginis und Yogis lernen dadurch immer mehr Körperpositionen („Asanas“) kennen, so wie ein Autofahrer die wichtigsten Verkehrszeichen erkennen muss, um sich richtig zu verhalten. Wer dann auch noch die Philosphie dahinter versteht, beginnt zu begreifen, dass diese Verkehrszeichen eine Bedeutung im einem umfassenden (Verkehrs-) System haben. Aber muss man das alles wissen, wenn man Autofahren will? – Nein. Man kann und darf unbeschwert Auto fahren, ohne die ganze Philosophie dahinter erfasst zu haben, solange man sich an die Regeln, respektive an die Anleitungen der
Die Komplexität verstehen
Was muss ich von Yoga verstehen? Auch dies lässt sich am besten erklären, wenn man die Antwort mit einem Gleichnis darstellt. Wenn Kinder die Verkehrsregeln verstehen wollen, oder vielmehr müssen, dann lernen sie, dass man bei einem Stoppschild immer angalten muss. Und die Strasse darf man nur über den Zebra-Streifen überqueren. Doch Erwachsene weichen manchmal von diesen Regeln ab. Sie halten bei Stoppschildern nicht, sondern fahren nur sehr vorsichtig. Auch die Strasse überqueren sie dort, wo sie es für ungefährlich halten. Würde man einem Kind dies schon erlauben, wäre es mit den Anweisungen überfordert und würde dann vielleicht genau das tun, was Erwachsene vorleben: Sie halten nicht beim Stopp und laufen überall über die Strasse. Doch wir wissen, wer das gefahrlos tun will, braucht Erfahrung und Reife, sonst kann schnell ein Unglück passieren. Genauso verhält es sich mit dem Verständnis von Yoga. Nur nach langer Zeit kann man die Komplexität erfassen. Und letztlich gilt, was im Strassenverkehr auch vorgeschrieben ist. Deshalb soll man sich auch nicht beklagen, wenn ein Polizist oder Polizisten eine Busse für regelwidriges Verhalten ausspricht.


