{"id":392,"date":"2026-04-01T20:49:06","date_gmt":"2026-04-01T18:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/?page_id=392"},"modified":"2026-04-08T10:11:33","modified_gmt":"2026-04-08T08:11:33","slug":"yoga-und-philosophie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/?page_id=392","title":{"rendered":"Yoga und Philosophie"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Was ist das Ziel des Yoga?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Urschrift, die Sutren (Merks\u00e4tze) von Patanjali, auf die sich fast alle Yoga-Lehrer\/innen abst\u00fctzen, steht das Ziel ganz zu Beginn beschrieben als &#8222;citta-vrtti-nirodah&#8220;. Das Ziel ist es, das Bewusstsein (citta) und seine Denkbewegungen (vrtti) zur Ruhe zu bringen (nirodah). Das bedeutet aber nun nicht, dass alle Gedanken stoppen und sich eine Gedankenleere einstellt, wie man dies vielleicht f\u00e4lschlicherweise annehmen k\u00f6nnte. Vielmehr bedeutet es eine Klarheit des Denkens. Modern \u00fcbersetzt k\u00f6nnte man sagen, das Ziel ist ein vorurteilsfreies Denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Patanjali verwendet dazu das Bild eines Glases, das durch Unreinheiten getr\u00fcbt ist, und deshalb keine wirklich freie Durchsicht auf die Realit\u00e4t erlaubt. Immer wird der Blick durch diese Einf\u00e4rbungen verstellt. Das sind beispielsweise Vorurteile, die einem nicht offen f\u00fcr neue Erfahrungen machen. Oder es sind fr\u00fcher gemachte positive oder negative Erfahrungen, die das Denken und die Gef\u00fchle beeinflussen. In Anlehnung an Patanjali nehme ich gerne das Bild eines Gedankenschleiers, der einen umh\u00fcllt und das Denken tr\u00fcbt. So sind wir viel zu h\u00e4ufig mit st\u00f6renden Gedanken besch\u00e4ftigt, was ich noch tun sollte, welche Termine zu organisieren sind, oder welches Ereignis mich derart besch\u00e4ftigt, sodass ich gar nicht aufmerksam bin f\u00fcr Dinge, die im Moment passieren. In der modernen Psychologie w\u00fcrde man dies &#8222;Achtsamkeits-Training&#8220; nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4ufig wird der Ausdruck verwendet &#8222;Sei im hier und jetzt!&#8220; Auch diese Aufforderung trifft nicht das eigentliche Wesen von &#8222;citta-vrtti-nirodah&#8220;, denn man ist ja immer im &#8222;Hier-und-Jetzt&#8220;, nur einmal eben mit getr\u00fcbtem\/ verschleierten Blick oder dann ohne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ziel: Der Geist soll zur Ruhe kommen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses &#8222;citta-vrtti-nirodah&#8220;, wie es in den Sutras des Patanjali steht, kann nicht mit dem Willen erreicht werden. Es stellt sich ganz einfach wie von selbst ein (oder eben auch nicht). Die Yoga-\u00dcbungen verhelfen dazu, dass sich dieses klare Denken ergibt. Doch auch viel \u00dcben garantiert nicht, dass die Gedanken best\u00e4ndig zur Ruhe kommen werden. Es ist letztlich ein Geschenk. Die K\u00f6rper\u00fcbungen sind ein kleiner Teil der Yoga-Praxis, aber wie Patanjali schrieb, nur einer von insgesamt acht Pfeilern, die alle gleichwertig sind. Es ist also die Kombination aller acht Pfeiler, die zum Ziel f\u00fchren sollen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Yoga ist die Verbindung von K\u00f6rper und Geist<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6rper\u00fcbungen (Asanas) haben einen Effekt auf Psyche und Geist. Der K\u00f6rper ist vergleichbar mit einem Fahrzeug. Es ist wichtig, dieses Fahrzeug\/K\u00f6rper in Stand zu halten, damit es\/er in Schwung bleibt. Um das Fahrzeug in einwandfreiem und sicheren Zustand zu erhalten, geh\u00f6ren gelegentlich ein \u00d6lwechsel; man soll abgefahrene Reifen und R\u00e4der ersetzen, das Fahrwerk kontrollieren, den Motor untersuchen lassen, Bremsen \u00fcberpr\u00fcfen sowie die Scheiben und Fenster putzen. Das hilft, damit das Fahrzeug langlebig bleibt. So ist es auch mit dem K\u00f6rper. Die Fahrzeugtypen sind sehr unterschiedlich; die einen sind komfortabler, schneller, wendiger, ger\u00e4umiger als andere. Die K\u00f6rper sind steifer, flexibler, geschmeidiger, gr\u00f6sser, j\u00fcnger oder \u00e4lter. Ein Fahrzeug kann man gegen ein besseres Modell auswechseln, bei einem K\u00f6rper kann man das nicht tun. Er bleibt immer derselbe&nbsp; &#8211;&nbsp; ein Leben lang. Aber letztlich spielt es keine Rolle, in welchem Fahrzeug\/K\u00f6rper man auf die lange Reise geht. Die sch\u00f6nsten und besten Reisen werden nicht zwingend diejenigen Leute mit dem luxuri\u00f6sesten Auto erleben. Auch mit einer kleinen, billigen Karre kann man sehr gl\u00fccklich unterwegs sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Patanjali nennt f\u00fcnf Geisteszust\u00e4nde: Den ersten nennt er &#8222;Mudha&#8220;, tr\u00e4ge, m\u00fcde. Es gibt &#8222;Kshipta&#8220;, zerstreut, nicht konzentriert, in Gedanken verloren. Dann folgt als n\u00e4chstes &#8222;Vikshipta&#8220;, was gesammelt oder sammelnder Geist bedeutet. Ist der Geist dann gesammelt, folgt &#8222;Ekagrata&#8220;, die Konzentration auf einen Punkt. Erst durch die vollst\u00e4ndige Versenkung (&#8222;Samyama&#8220;) ist &#8222;Nirodah&#8220;, ein Zustand vollkommener Konzentration m\u00f6glich, der dem Zustand \u00e4hnelt wie &#8222;im Flow&#8220; sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie muss man sich das konkret vorstellen? Die stufenweise Versenkung kann man mit einem Fussballspieler in einem Team vergleichen. Zun\u00e4chst ist der Spieler ganz auf den Ball konzentriert (&#8222;ekagrata&#8220;), dann gelingt es ihm, auch das Tor zu fokussiern. Aber mit vollst\u00e4ndiger Versenkung ist er nicht mehr nur auf einen Punkt konzentriert, sondern auf mehrere: Der Fussballer kann auch die Umgebung miteinbeziehen; das heisst, der Spieler nimmt zugleich mit seinem Ballspiel auch die \u00fcbrigen Spieler wahr, erkennt deren Absichten und kann sie von seinem eigenen Tun unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Charakter wird durch drei Gunas bestimmt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Patanjali bestimmt den Charaktere, die jeweils durch die Mischung von drei Kr\u00e4ften bestimmt werden. Gunas genannt. Das ist der grosse Unterschied zur westlichen Einteilung, die in Oppositionen denk wie &#8222;Passiv &#8211; aktiv&#8220;, es sind drei Eigenschaften: <strong>Sattva<\/strong>, die Reinheit und Klarheit, G\u00fcte und Harmonie. <strong>Rajas<\/strong>, die Energie und Bewegung, der&nbsp;Trieb, die Leidenschaft. <strong>Tamas<\/strong>, die Tr\u00e4gheit, das Zur\u00fcckhaltende, Dunkle und Schwere. Diese Eigenschaften sind in st\u00e4ndiger Bewegung. Man kann sich das vorstellen wie Farbkreise, deren Mischung die endg\u00fcltige Farbe ergibt, respektive den Charakter.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/FARBE.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"512\" height=\"512\" src=\"https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/FARBE.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-366\" srcset=\"https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/FARBE.jpg 512w, https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/FARBE-300x300.jpg 300w, https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/FARBE-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Drei Eigenschaften beeinflussen oder beschreiben den definitiven Charakter eines Menschen gem\u00e4ss der Yoga-Philosophie. Diese drei &#8222;Gunas&#8220; fungieren wie die Mischung der drei Grundfarben. Die Grundfarben sind in st\u00e4ndiger Bewegung und ergeben st\u00e4ndig ein leicht anderes Farbbild.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Kann ich Yoga praktizieren ohne die dazugeh\u00f6rige Philosophie zu verstehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Yoga-Studio werden im allgemeinen nur zwei der acht Pfeiler praktiziert, die Patanjali aufz\u00e4hlt: Es sind die K\u00f6per\u00fcbungen (&#8222;Asanas&#8220;) und die Atem\u00fcbungen (&#8222;Pranayama&#8220;). Wer die Yoga-Philosophie dazu nicht versteht oder auch gar nicht kennen will, kann dennoch Yoga machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier kann man wieder auf das Bild des Autos zur\u00fcckgreifen. Einem Kind lehren die Erwachsenen beispielsweise, dass alle Fussg\u00e4nger\/innen bei Rot an der Ampel stillstehen m\u00fcssen und erst bei Gr\u00fcn \u00fcber die Strasse gehen d\u00fcrfen. So wie ein Erwachsener das Kind anleitet, so leitet auch ein Yoga-Lehrer seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler im Unterricht an. Fortgeschrittene Yoginis und Yogis lernen dadurch immer mehr K\u00f6rperpositionen (&#8222;Asanas&#8220;) kennen, so wie ein Autofahrer die wichtigsten Verkehrszeichen erkennen muss, um sich richtig zu verhalten. Wer dann auch noch die Philosphie dahinter versteht, beginnt zu begreifen, dass diese Verkehrszeichen eine Bedeutung im einem umfassenden (Verkehrs-) System haben. Aber muss man das alles wissen, wenn man Autofahren will? &#8211; Nein. Man kann und darf unbeschwert Auto fahren, ohne die ganze Philosophie dahinter erfasst zu haben, solange man sich an die Regeln, respektive an die Anleitungen der <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Komplexit\u00e4t verstehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was muss ich von Yoga verstehen? Auch dies l\u00e4sst sich am besten erkl\u00e4ren, wenn man die Antwort mit einem Gleichnis darstellt. Wenn Kinder die Verkehrsregeln verstehen wollen, oder vielmehr m\u00fcssen, dann lernen sie, dass man bei einem Stoppschild immer angalten muss. Und die Strasse darf man nur \u00fcber den Zebra-Streifen \u00fcberqueren. Doch Erwachsene weichen manchmal von diesen Regeln ab. Sie halten bei Stoppschildern nicht, sondern fahren nur sehr vorsichtig. Auch die Strasse \u00fcberqueren sie dort, wo sie es f\u00fcr ungef\u00e4hrlich halten. W\u00fcrde man einem Kind dies schon erlauben, w\u00e4re es mit den Anweisungen \u00fcberfordert und w\u00fcrde dann vielleicht genau das tun, was Erwachsene vorleben: Sie halten nicht beim Stopp und laufen \u00fcberall \u00fcber die Strasse. Doch wir wissen, wer das gefahrlos tun will, braucht Erfahrung und Reife, sonst kann schnell ein Ungl\u00fcck passieren. Genauso verh\u00e4lt es sich mit dem Verst\u00e4ndnis von Yoga. Nur nach langer Zeit kann man die Komplexit\u00e4t erfassen. Und letztlich gilt, was im Strassenverkehr auch vorgeschrieben ist. Deshalb soll man sich auch nicht beklagen, wenn ein Polizist oder Polizisten eine Busse f\u00fcr regelwidriges Verhalten ausspricht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_12631-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_12631-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-398\" style=\"width:655px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_12631-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_12631-300x225.jpg 300w, https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_12631-768x576.jpg 768w, https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_12631-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/hatha-yoga-basel.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_12631-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Worum geht es also in der Entwicklung? Zun\u00e4chst muss man die \u00e4usseren Regeln verstehen, danach das ganze System dahinter, oder auch kurz: Den Sinn hinter den Regeln verstehen. Erst wer diese Reife hat und den Sinn der Regeln versteht, kann es sich leisten, gelegentlich von den (\u00e4usserlichen) Regeln abzuweichen, weil er immer noch den (tieferen) Sinn der Regel befolgt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nun aber stellt sich eine neue Problematik: Wer kann schon richtig einsch\u00e4tzen, ob er den Sinn der Regeln schon derart gut begriffen hat, dass er davon abweichen darf? Auf das Beispiel im Strassenverkehr \u00fcbertragen: Ein erfahrener Autofahrer wird morgens um 04 Uhr auf leerer Strasse \u00fcber eine Stoppschild hinausfahren, weil er den Sinn kennt, dass ein Stoppschild in einer solchen Situation keine zwingende Bedeutung mehr hat, sondern einen unn\u00f6tigen\/\u00fcberfl\u00fcssigen Halt verlangt gem\u00e4ss der buchstabengetreue des Verkehrsgesetzes. Wer aber meint, gem\u00e4ss dem Sinn richtig zu handeln, auch wenn er von den Regeln abweicht, ist vielleicht auch nur anmassend und selbst\u00fcbersch\u00e4tzend. Zum Beispiel ein Velofahrer, der das das Rotlicht an der Ampel missachtet, weil er sich sagt, das herannahdende Auto sei in gen\u00fcgend grosser Distanz von ihm, aber dabei vergisst, dass er den Autofahrer durch sein Verhalten irritiert (ist die Ampel defekt?). Es gibt kaum einen Massstab, der einem die Gewissheit dar\u00fcber verschafft, ob die Regelabweichung tolerierbar ist. Darum gilt: Im Zweifelsfall muss man die Regeln immer einhalten! Anf\u00e4nger\/innen im Yoga sollen sich immer exakt den Anweisungen verhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist das Ziel des Yoga? In der Urschrift, die Sutren (Merks\u00e4tze) von Patanjali, auf die sich fast alle Yoga-Lehrer\/innen abst\u00fctzen, steht das Ziel ganz zu Beginn beschrieben als &#8222;citta-vrtti-nirodah&#8220;. 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